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Zur „Bewährung“ an die Ostfront

Karl Dietzer wurde am 20. Mai 1920 in Buchholz geboren. Sein Bestattungsschein weist auf Buchholz, Kreis Angermünde hin. Bis 1952 gehörte der Ortsteil Buchholz der Gemeinde Serwest zum Landkreis Angermünde, dann zum Kreis Eberswalde – heute Landkreis Barnim. In einigen Akten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit wird Karl Dietzer unter „unklare Nationalität“ oder „Franzose“ geführt. Die Kartei des Einwohnermeldeamts Mülheim/Ruhr führt Karl Dietzer als ledigen Tiefbauarbeiter mit deutscher Staatsangehörigkeit. Der Vater (ebenfalls) Karl Dietzer stammte aus Solingen, die Mutter aus Mansfeld.

Laut dem Melderegister der Stadt Duisburg ist Karl Dietzer junior am 20. Mai 1935 von Bartossen, Kreis Lyck, zugezogen (damals Ostpreußen, heute zur Woiwodschaft Ermland-Masuren in Polen gehörig) und wohnte bei seinen Eltern. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Bevölkerung gemäß dem Versailler Vertrag im Abstimmungsgebiet Allenstein, zu dem Lyck gehörte, am 11. Juli 1920 über die weitere staatliche Zugehörigkeit zu Ostpreußen (und damit zu Deutschland) oder den Anschluss an Polen abzustimmen. In Lyck stimmten 8.340 Einwohner für den Verbleib bei Ostpreußen, auf Polen entfiel keine Stimme.

Die Meldekartei von Karl Dietzer junior dokumentiert in den Folgejahren viele Umzüge – auch in andere Orte –, von denen er immer wieder zur Wohnung der Eltern zurückkehrte. Ab September 1940 war Karl junior dauerhaft bei seinen Eltern in Mülheim/Ruhr gemeldet. Auch eine der Schwestern und der jüngere Bruder wohnten noch dort.

Karl Dietzer wurde am 10. August 1941 als Kanonier zum 2. Flak St. Abt. 18 eingezogen und wechselte zur 4. schweren Flak Abt. 60. Am 24. Mai ’43 wurde er mit Darmkatarrh, Nagelentzündung und Angina ins Feldlazarett in Charkiv aufgenommen und am 20. Juli 1943 als dienstfähig wieder zur Truppe entlassen. Anfang August 1943 wurde er wegen Gelenkrheuma im Kriegslazarett Dnipropetrowsk behandelt.

Ab 15. September begann die Heeresgruppe Süd mit dem Rückzug auf das westliche Dnipro-Ufer. Neben etwa einer Million Soldaten wurden etwa 200.000 Verwundete und ebenso viele Zivilisten übergesetzt. Welche Beweggründe Karl Dietzer hatte, wissen wir nicht; aber es war offensichtlich, dass die Wehrmacht auf dem Rückzug war. Dietzer wurde in die Feldstrafgefangenenabteilung 18 gesteckt, die vom Wehrmachtsgefängnis Germersheim eingerichtet worden war und als Heeresgruppe am Südabschnitt der Ostfront zum Einsatz kam.

Das bedeutete, dass die Kompanien speziell die Soldaten auf „Bewährung“ für gefährliche Einsätze und Arbeiten heranzogen. Die Vorgesetzten beobachteten diese Männer zudem sehr genau und berichteten dem Gericht über deren Verhalten und Entwicklung. In den letzten beiden Kriegsjahren wiesen die Gerichtsherren viele Soldaten, die wegen Entfernungsdelikten verurteilt worden waren, zu Abschreckungszwecken in Feldstrafgefangenen-Abteilungen ein.

Am 25. Mai 1944 um 6.07 Uhr wurde Karl Dietzer im Schießtal exekutiert. Ein Kriegsgerichtsurteil ist nicht überliefert. Der Bestattungsschein des Feldgerichts des Kommandierenden Generals und Befehlshaber im Luftgau VII, Außenstelle Stuttgart vermerkt: beerdigt am 30. Mai 1944 und „Eltern gestorben“. Tatsächlich starb die Mutter Minna erst 1949 und der Vater Karl 1954.

Quellen:BArch PA B 563-1 Kartei D 927/294
Informationen über Ausländer, die während des Kriegs im Kreis Ludwigsburg verstorben sind / 2.1.1.2 BW 019 3 DIV Nationalität/Herkunft der aufgeführten Personen: Verschiedene / 70531212 und 70531218 / ITS Digital Archive, Bad Arolsen
Informationen über Ausländer, die während des Kriegs im Kreis Ludwigsburg verstorben sind / 2.1.1.2 BW 019 3 UNB ZM Nationalität/Herkunft der aufgeführten Personen: Unbekannt /  70531432 und 70531433 / ITS Digital Archive, Bad Arolsen
Informationen über Gräber von Ausländern im Kreis Ludwigsburg / 2.1.1.2 BW 019 4 DIV Nationalität/Herkunft der aufgeführten Personen: Verschiedene / 70531753/ ITS Digital Archive, Bad Arolsen
Registrierungen von Ausländern und deutschen Verfolgten durch öffentliche Einrichtungen, Versicherungen und Firmen (1939 - 1947)  / 2.2.2.2 Personenstandsurkunden Westzone allgemein / Personenstandsurkunden Westzone allgemein / 76729402, ITS Digital Archive, Bad Arolsen
StALB FL20/12 II Bü 177
StALB Grabstätten EL 20/1 VII Bü 165, Bild 26
StadtA LB L 67- 39 und 41
Museum Angermünde Auskunft 3.1.2013 per Mail
StadtA Müllheim a. d. Ruhr, Auskunft 4.1.2013 per Mail
StadtA Duisburg, Meldekartei und Personenstandsanzeige

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Ludwigsburger Kreiszeitung (LKZ), 25. MaI 2023


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